In einem Behandlungszimmer meines Zahnarztes befindet sich an der Decke das Wimmelbild eines Schwimmbads. Da gibt es viel zu entdecken – und schwups ist der Gedanke an die anstehenden Steinbrucharbeiten vergessen …
Eine ähnlich salutogenetische Wirkung entfalten auch die RUDI-Wimmelbilder: Man kann richtig darin versinken! Damit wird schon eine erste didaktische Stärke dieser verdichteten Weltdarstellungen deutlich: Die Betrachter können direkt ins Becken springen; sie begeben sich auf eine Entdeckungsreise in die Bilder hinein, die von den Machern natürlich auf besondere religionspädagogisch relevante Aspekte hin fokussiert liebevoll ausgestaltet wurden. Um beim Schwimmbad-Bild zu bleiben: Die Bilder enthalten Geschichten, in die man regelrecht eintauchen kann. Unter der Oberfläche werden Beziehungen, Gefühle, Erinnerungen und Fragen erkennbar. Somit dienen die Wimmelbilder auf einer lerntheoretischen Ebene der Förderung einer Wahrnehmungskompetenz: Bilder bedürfen einer genauen Anschauung und anschließend einer differenzierten Deutung. Die Offenheit der Gestaltung der Wimmelbilder führt dazu, dass die verschiedenen Facetten auch individuell interpretiert werden können; darüber kann man dann untereinander in der Lerngruppe in einen Dialog treten. Solche Wimmelbilder entsprechen der Qualität, die Paul Klee Bildern der Kunst überhaupt zugesprochen hat: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
Natürlich sind die Wimmelbilder konstruiert und verfolgen eine didaktische Absicht. Sie wollen zeigen, dass inmitten des Alltags, im Profanen und in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, religionsproduktive Spuren zu erkennen sind. „Mach nur die Augen auf, und du wirst sehen, die ganze Welt ist von Gott erfüllt“ (Jakob Böhme). Am unmittelbarsten kommt das bei den Wimmelbildern „Weihnachten“ und „Gott und Göttliches“ zur Geltung, wo viele öffentliche Erscheinungsformen, Artefakte und Riten von Religionen zu entdecken sind, auch solche, die sich im familiären Kontext abspielen. Die anderen Wimmelbilder führen noch weiter über das Feld einer eng verstandenen substanziellen Religion hinaus und zeigen, dass das, was Religionen und Religion kennzeichnet, auch im diakonischen Handeln und bei zentralen Fragen des Menschseins wie der der Hoffnung aufscheint. „Gott in allen Dingen sehen“, so formuliert das Ignatius von Loyola.
Räume entstehen durch das soziale Handeln der in ihnen agierenden Menschen: In diesem Sinn laden die Wimmelbilder zu einer Auseinandersetzung mit handelnden Menschen ein. Über die dargestellten Menschen (und auch die Tiere!) lässt sich treffend spekulieren: Wo kommen sie her? Welche Geschichte erzählen sie? Was bewegt sie? Wofür engagieren sich diese Helden von nebenan? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Was würde ich die Person fragen wollen, was ihr sagen?
Die Arbeitsmaterialien zu den Wimmelbildern docken hier an und ermöglichen es, dass der Wahrnehmungs- und Deutungsprozess in einen Gestaltungs- und Handlungsprozess übergeführt werden kann: Die Schülerinnen und Schüler können ausgehend von den Bildern eigene Bilder und Geschichten gestalten oder Diskussionen führen.
Die RUDI-Wimmelbilder funktionieren natürlich auch deshalb, weil die Illustrationen von Brigitte Kuka so vorzüglich gestaltet sind: In ihrem comic-artigen Strich vereinfachen sie und sind gleichzeitig von einer hohen künstlerischen Qualität; sie wirken lebensnah und frisch, sie fokussieren konkrete Situationen und triggern dadurch ein Kopfkino an! Klasse!
Ich würde mich darüber freuen, wenn bei meinem Zahnarzt auch RUDI-Wimmelbilder an der Decke hängen würden: und schon lässt der Schmerz nach!
Hans Mendl
